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Brasilien ist ein Land der Musik. Seinen Reichtum an musikalischen Ausdrucksformen verdankt es der Synthese europäischer, afrikanischer und indianischer Traditionen. Aus dem Zusammenspiel indianischer Rohrflöten, afrikanischer Perkussionsinstrumente und portugiesischer Violen (die Viola ist der Gitarre ähnlich und mit 10-12 Saiten bespannt), aus der Verbindung der portugiesischen Liedkultur und der Rhythmik der afrikanischen Sklaven entwickelte sich eine Musik von außerordentlicher Vielfalt und Schönheit, seien es die klassischen Kompositionen eines Villa-Lobos, die weichen Klänge des Bossa Nova oder die temperamentvolle Samba.

Carlos Gomes (1836-1896), ein aus Campinas im Staat São Paulo gebürtiger Komponist, machte gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen Opern im zeitgenössischen italienischen Stil von sich reden. Berühmt wurde er vor allem mit seinem Werk "Il Guarany", das nach dem gleichnamigen Roman von José de Alencar entstand.
Anfang der 20er Jahre dieses Jahrhunderts kam ein neuer Musikstil auf. Unter der Führung von Heitor Villa-Lobos (1887-1959) verschmolz die neue brasilianische Avantgarde in ihren symphonischen Werken avantgardistische, aus Europa importierte Ausdrucksformen mit Themen und Rhythmen der brasilianischen "Música Popular" und integrierten volkstümliche Musikinstrumente in das klassische Orchester.
Die Música Popular Brasileira (Oberbegriff für die folkloristischen und populären Spielarten der brasilianischen Musik) zeichnet sich durch Klangvielfalt und Formenreichtum aus. In ihr verbanden sich schon früh die traditionellen europäischen Instrumente - Gitarre, Klavier und Flöte -mit den verschiedensten Rhythmusinstrumenten, darunter Triangel, Rassel, Trommel, Tamburin und Cuíca. (Cuícas sind Reibtrommeln - ähnlich dem norddeutschen Rummelpott -, kleine Fässer mit einer Fellmembrane, in deren Mitte sich ein Holzstab befindet. Sie erzeugen einen typischen, quietschenden Ton, ähnlich dem eines Esels).

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Seit den dreißiger Jahren verbreitete sich die populäre Musik in Brasilien auch über das Radio und erfreute sich in allen Gesellschaftsschichten wachsender Beliebtheit. Zu den bekanntesten Komponisten jener Zeit zählten Noel Rosa (1910-1937), Lamartine Babo (1904-1963) und Ary Barroso (1903-1963). Carmen Miranda (1909-1955), die bedeutendste Interpretin der Musik Barrosos, gelangte durch ihr Auftreten in einer Reihe von Hollywood-Filmen zu internationalem Ruhm.
Zu einem der ersten internationalen Erfolge der Bossa Nova-Bewegung wurde Mitte der sechziger Jahre das von lyrischer Eindringlichkeit und reicher Melodik getragene "The Girl from Ipanema" (A Garota de Ipanema). Dieses Lied weckte weltweit Interesse an brasilianischer Musik und machte den Poeten und Textdichter Vinicius de Moraes (1913-1980), vor allem aber den Komponisten Tom Jobim (1927-1994), dessen musikalischen Werdegang Hans-Joachim Koellreutter beeinflußt hatte, mit einem Schlag berühmt. 1998 konnte der Bossa Nova seinen 40sten Geburtstag feiern.
Die Tropikalisten der späten sechziger Jahre brachten unter dem Eindruck von Militärdiktatur, Stadtguerillas und Protestbewegungen kritisch-realistische Elemente in die brasilianische Unterhaltungsmusik und gaben ihr neue Impulse durch die Vermischung einheimischer Rhythmen mit den neuesten Entwicklungen der internationalen Popmusik (Rock n Roll, Beatles, Jimi Hendrix u.a.). Vor allem Caetano Veloso, Gilberto Gil und Gal Costa vertraten den Som Livre, Som Universal (den freien, universellen ≥Sound") des Tropikalismus und schufen eine neuartige Musik - lyrisch, intelligent, mit schnelleren, variableren Tempi und volleren Rhythmen als der Bossa Nova.
In den einzelnen Regionen Brasiliens haben sich ganz unterschiedliche Formen der Musik ausgebildet. Sehr beliebt im nordöstlichen Landesteil ist der Forró, in dem sich Akkordeon, Flöte, Gitarre und Schlaginstrumente zu einem Volkstanz verbinden, der von Fußstampfen begleitet wird. (Forró heißt auch das dörfliche Tanzvergnügen im brasilianischen Nordosten.) Ebenfalls aus dem Nordosten stammt der Frevo mit seinen synkopisch-akzentuierten Rhythmen, der wegen der hohen Spagatsprünge eine gute Körperbeherrschung verlangt. In Rio ist der Chorinho weit verbreitet, eine zärtliche Instrumentalmusik gespielt von Flachgitarre (Cavaquinho), Flöten und Schlaginstrumenten aller Art und Größen, gelegentlich verstärkt durch Klarinette oder Saxophon, sowie die international so erfolgreiche Lambada. Die getanzte Lambada ist sinnlich und schnell.
Die Samba mit ihren verführerischen Rhythmen bleibt jedoch die für Brasilien typischste Musik. Ihr genauer Ursprung ist unbekannt. Manche nehmen an, die Samba sei auf den Straßen von Rio entstanden, und zwar aus einer Verschmelzung dreier kultureller Elemente - des portugiesischen höfischen Gesangs mit afrikanischen Rhythmen und schnellen Indiotänzen. Andere dagegen führen ihren Ursprung auf den afro-brasilianischen Batuque zurück, der nur von Perkussionsinstrumenten ausgeführt wird.
Die populäre brasilianische Musik von heute ist ständig auf der Suche nach neuen Rhythmen und Melodien. Seit sie den Anschluß an das internationale Musikgeschäft gefunden hat, stehen ihre Komponisten und Interpreten mehr und mehr im Wettbewerb um die Gunst eines internationalen Musikpublikums. Zu den bekanntesten Vertretern brasilianischer Música Popular gehören: Maria Bethânia, Alcione, Roberto Carlos, Cazuza, Ney Matogrosso, Rita Lee, Milton Nascimento, Hermeto Pascoal, Fafá de Belém, Chitãozinho und Chororó, Elba Ramalho, Alceu Valença, Luiz Gonzaga, Luiz Gonzaga Jr., João Bosco, Djavan, Ivan Lins, Marisa Monte und Elis Regina.

Mit freundlicher Genehmigung der brasilianischen Botschaft in Berlin, die diesen Text auf ihrer Homepage http://www.brasilianische-botschaft.de veröffentlicht hat.